Montag, der 5. Januar 2009

Bootsflüchtlinge 2008

Die Süddeutsche Zeitung hat gemeldet (2.1.2009), dass 2008 wesentlich mehr Flüchtlinge per Boot nach Europa gekommen sind als noch 2007. Diese gehe, so die Süddeutsche Zeitung, aus noch unveröffentlichen Zahlen des UNHCR hervor. Es gibt auch nach Ländern aufgeschlüsselte Zahlen.

Spanien: 11985 (2007: 10348, +15.8%)
Italien: 34026 (19597, +73.6%), davon Lampedusa: 29015 (11891, +144%)
Malta: 2688 (1702, +57.9%)
Griechenland: 14581 (8876, +67.3%)
Zypern: 1094 (265, +312.8%)
insgesamt: 64374 (40878, +57,4%)

Was lässt sich nun in die Zahlen hineinlesen? Erstens nimmt die Flucht über das Meer allgemein zu (+60%). Aber es lässt sich eine Verdrängung der Fluchtrouten in den östlicheren Teil des Mittelmeers beobachten, wie es hier auf der Seite schon mal prognostiziert wurde.

Was bedeutet das nun für Frontex? Spanien hat einen unterdurschnittlichen Anstieg, dies dürfte auf die nun schon länger laufende Hera Mission zurückzuführen sein. Die Mission Nautilus 2009 vor Malta und Italien ist ja bekanntermassen gescheitert. In dem Artikel wird allerdings schon angekündigt, was kommen wird:

Italien, Malta, Griechenland und Zypern wollen beim Treffen der EU-Innenminister am 13. Januar in Prag über gemeinsame Maßnahmen im Umgang mit den Bootsflüchtlingen beraten.

Das wird dann wahrscheinlich wieder mehr Appelle an Frontex und die Mitgliedsstaaten bedeuten, eventuell mehr Geld. Eine grundlegende Änderung der Flüchtlingspolitik der EU ist eher unwahrscheinlich.

Mittwoch, der 26. November 2008

Externalisierung

Externalisierung, dieser Begriff beschreibt die Bemühungen der EU, die Grenzkontrolle und das Migrationsmanagement auszulagern und Drittstaaten miteinzubeziehen. Ein Beispiel sind die Gefängnisse für Flüchtlinge in der Ukraine, die von der EU finanziert werden, ein anderes Beispiel ist die Einbeziehung des Senegal und Mauretaniens in die Frontexmission Hera. Alles nichts neues.

Wenn allerdings von dieser Politik berichtet wird, dann kommt oft die Frage: “Aber warum machen diese Staaten das mit?”. Die Antwort hat etwas mit dem Paradigma des “Migration & Development” zu tun, welches Migrationsfragen mit dem Entwicklungshilfediskurs verknüpft. Ganz platt: Entwicklungshilfe nur gegen Kooperation/Kollaboration im Migrationsmanagement.

Wie solche Verhandlungen ausgetragen werden, ließ sich gestern in Paris studieren, am 25. November 2008 fand dort nämlich das EU-Afrika-Treffen statt. Die taz berichtet unter dem Titel “Cash für Abschiebung”:

Bei der zweiten europäisch-afrikanischen Ministerkonferenz über Migrationsfragen am Dienstag in Paris stoßen zwei Welten aufeinander: die Zielländer des Nordens und die Herkunftsländer der Migranten im Süden. Die Vertreter der EU-Länder, angeführt von dem Franzosen Brice Hortefeux, verteidigen ihren “Migrationspakt”. Er steckt enge und scharf kontrollierte Grenzen für die “legale” Einwanderung und verschärft die Kontrollen und Sanktionen gegen die “illegale” Einwanderung. Aus Afrika kritisieren Politiker die europäischen “Einbunkerungsabsichten”, wie Innenminister Cheijk Tidiane Sy aus dem Senegal anmerkt. Der marokkanische Außenminister Taïb Fassi Fihri fordert “mehr Realismus” und weist auf 30 Millionen zusätzliche Arbeitskräfte hin, die Europa bis ins Jahr 2030 benötige. Der aus Burkina Faso angereiste Außenminister Alain Bédouma Yoda plädiert für mehr Entwicklungsprojekte in den Herkunftsländern und verlangt “flexiblere Einreisebedingungen” nach Europa.

Soweit die Positionen. Weiter zu den Machtverhältnissen:

Die EU sitzt in Paris am längeren Hebel. Ihre 27 Mitglieder haben den Migrationspakt im Oktober einstimmig abgesegnet. Jetzt geht es nur darum, möglichst viel Unterstützung von den afrikanischen Regierungen zu bekommen. Denn sie sollen nach außen verlagerte Polizeifunktionen für die EU übernehmen. “Partnerschaft bei der Migrationspolitik” heißt das.

Allgemein ist es schon so, dass die Position der Nicht-EU-Staaten gar nicht so schlecht ist zur Zeit, Libyen beispielsweise hat ja eine sehr starke Verhandlungsposition gegenüber der EU. Trotzdem wäre es verkehrt, nicht davon auszugehen, dass die EU ihre Interessen langfristig durchsetzt. Es ist nur die Frage, was es kostet.

Das Ziel der eintägigen Konferenz in Paris, an der Vertreter von 60 Ländern und 20 regionalen Organisationen beteiligt sind, ist die Annahme eines Dreijahresplans für eine koordinierte Migrationspolitik. Der Plan besteht aus drei Teilen: erstens die Kontrolle der legalen und - so die französische Wortwahl - “gewählten” Einwanderung; zweitens der Kampf gegen die “illegale” Einwanderung und drittens “Synergien” zwischen Wanderung und Entwicklung. Im Klartext bedeuten diese Ziele, dass die EU ihre Kontrollen in die afrikanischen Herkunftsländer vorverlagert. Dort sollen nicht nur verstärkte Ausreisekontrollen stattfinden, sondern auch abgeschobene Migranten unbürokratisch zurückgenommen werden. Die “Synergie” schließlich besteht darin, dass Europa als Gegenleistung “Entwicklungshilfe” zahlt.

Keine weiteren Fragen. Aber ein Link auf eine kritische Pressemitteilung.

Mittwoch, der 19. November 2008

Charterabschiebung

Die Wiener Zeitung schreibt, mit einem meiner Meinung nach etwas rassistischen Unterton, über Frontex-Sammelabschiebungen:

Das System der “Sammelabschiebungen” hat bereits beim Erstflug im August gut funktioniert, vergangenen Freitag startete in Wien der zweite Charterflieger mit knapp 79 Afrikanern aus zehn europäischen Ländern an Bord; fünf davon kamen aus Österreich. Ziel waren die nigerianische Hauptstadt Lagos sowie die Hauptstadt Gambias, Banjul. Finanziert hat die Flüge die europäische Grenzschutzbehörde “Frontex”, als Organisator fungierte in beiden Fällen Österreich, das bei Problemabschiebungen in der Vergangenheit – teils leidvolle – Erfahrungen sammeln konnte.

Entsprechend streng (und teuer) sind die Vorgaben von “Frontex”, die pro Abzuschiebenden zwei Bewacher an Bord vorschreibt. Alle 79 Passagiere wurden in ihren Heimatländern problemlos aufgenommen, was speziell in Gambia oft ein Problem war.

Link: hxxp://www.wienerzeitung.at/DesktopDefault.aspx?TabID=3941&Alias=wzo&cob=382905 (sorry, müsst ihr selber kopieren, aber ich erhöhe nicht noch den Google Pagerank für die. hxxp => http)

Montag, der 17. November 2008

Nautilus ‘09

Nachrichten aus Malta. Nautilus ‘08 ist gerade erst grandios gefloppt, und schon wird bekannt, wie sich Frontex das für 2009 vorstellt: Der Einsatz wird um drei Monate verlängert und wird von März bis November dauern, meldet die Times of Malta.

Probleme sind mal wieder die mangelnde Bereitschaft der Mitgliedsstaaten der EU, Material zur Verfügung zu stellen plus die mangelnde “Kooperation” Libyens. Die Verhandlungen scheinen kaum weiterzukommen:

Frontex sources said although the EU was once again trying to engage Libya in next year’s patrol mission, the discussions were being described as “very challenging”.

Es lohnt sich auch, die Kommentare unter dem Artiklel zu lesen. Ich weiss, dass die Möglichkeit, im Internet seine Meinung zu hinterlassen, immer die komischsten Leute anzieht, aber es ist teilweise schon aufschlußreich für die Stimmung auf Malta, und was die Leute von Frontex halten. Die meisten scheinen Frontex abzulehnen, weil sie eine effektivere Abschottung der EU wünschen, als sie Frontex zur Zeit gewährleisten kann. Rassistische Untertöne eingeschlossen.

Kostprobe:

This article should have been titled: Do you want the good news or the bad news first?’

The bad news is that Frontex will be extending patrols by three months next year - the good news is that it won’t be operational all year round as we had previously been told.

As previous commentators have stated, Frontex is simply a free ferry service for illegal immigrants, ensuring that they reach their destination safely. To describe Frontex as the ‘EU anti-immigration patrols’ is a complete joke. Frontex in fact ENCOURAGES the criminals who engage in the lucrative crime of human trafficking. It also encourages Africans who live in Libya to pay money to these criminals to get them on a boat in an attempt to enter Europe illegally. They know that they are committing a crime and they also know that Frontex will help them succeed.

Mittwoch, der 12. November 2008

Parlamentarische Kontrolle

Ein Kritikwinkel gegen Frontex, aber meiner Meinung nach nicht der allerstärkste, ist die fehlende parlamentarische Kontrolle. Natürlich muss dem nachgegangen werden, aber die grundsätzliche Frage ist dennoch, ob sich Europa abschotten soll. In dieser Hinsicht muss dann nämlich auch immer wieder betont werden, dass es um einen grundlegenden Paradigmenwechsel in der europäischen Migrationspolitik geht, und nicht nur um Frontex, auch wenn es das exponierteste Symbol der jetzigen Politik ist. Eine Abschaffung von Frontex wäre dann auch der erste Schritt in die richtige Richtung, aber eben nur ein Schritt.

Aurf jeden Fall hier schnell dokumentiert: Zwei Artikel, bei denen es sich um besagte parlamentarische Kontrolle dreht. Der erste schon vom August (19.8.2008, just am Aktionstag in Lübeck) und aus der Süddeutschen. Ein zweiter gerade erst erschienen und immerhin in “Das Parlament”, der Zeitung des Deutschen Bundestags.

Mittwoch, der 12. November 2008

Frontex & Griechenland

Also. Mensch stelle sich eine Europakarte vor. Ganz links außen, vor der afrikanischen Küste, liegen die Kanaren. In den letzten Jahren Ziel vieler MigrantInnen, die sich vor allem in kleinen Booten erst von Marokko, dann von Mauretanien und mittlerweile Senegal oder sogar noch weiter südlich aufmachen, um nach EU-Europa zu kommen. Und da sind die Kanaren das nächste Ziel. Dass die Leute immer weiter südlich starten hat natürlich was mit den Frontex-Missionen zu tun, aber auch mit der Externalisierungspolitik der EU. Die Operation vor den Kanaren heisst Hera und ist mittlerweile fast permanent.

Bewegen wir uns auf der imaginierten Europakarte ins Mittelmeer. Die Meerenge bei Gibraltar ist relativ stark überwacht von der Guardia Civil (Spanien), was zwar nicht heisst, da ist kein Durchkommen mehr, aber so richtig viele Leute scheinen die Route nicht mehr zu nutzen. (Es gibt natürlich immer noch die spanischen Exklave Ceuta und Melilla, aber seit dem Sturm auf die Festung 2005 sind die Zäune da bis zu 6m hoch).

Also ist die nächste Möglichkeit in die EU zu kommen über Malta, Lampedusa und Sizilien. Das scheint auch noch ganz gut zu klappen, dieses Jahr ist ja schon die zweite Frontex-Mission in Folge gescheitert. Dennoch zieht Frontex den Grenzraum um Europa weiter, und das logische nächste Ziel ist Griechenland, welches nach Aussagen der griechischen Regierung jedes Jahr Ziel von rund 150.000 irregulären MigrantInnen ist. Wie MigrantInnen in Griechenland behandelt werden, ist ein anderer Skandal. Hier ein paar Links dazu bei Pro Asyl:

Bisher hat Frontex aber relativ wenig in Griechenland gemacht (eine Chronologie folgt unten). Ich war letzten Sommer in Athen auf dem jährlichen antirassistischen Festival, aber auch die Leute von den Flüchtlingsinis von dort konnten noch nicht sehr viel über Frontex sagen. Heute allerdings erreichten mich Bilder aus Mitilini, Lesvos, die meiner Meinung nach relativ klar dokumentieren, dass Frontex dort vor Ort ist. Zu sehen ist ein Schiff der italienischen Küstenwache (erkennbar an der Flagge und der Aufschrift). Frontex verfügt ja über keine eigenen Schiffe, daher ist die Annahme wohl gerechtfertigt, dass es sich hier um ein Projekt unter Frontex-Ägide handelt. Der geographische Ort spricht auf jeden Fall dafür, Lesvos liegt relativ nahe an der Türkei und ist ein ebenso Ziel vieler MigrantInnen, die mit Schlauchbooten, Bojen oder einfach schwimmend versuchen, Griechenland zu erreichen.

Die spannende Frage ist nun: Handelt es sich hier um eine Gemeinsame Operation, wie das mit Hera und Nautilus der Fall ist? Ich gehe nicht unbedingt davon aus, Frontex ist meiner Einschätzung nach noch nicht so gut aufgestellt, eine weitere große Operation auszuführen (auch wenn es jedes Jahr die Poseidon Operation gibt). Denn sollte Frontex antreten mit der Ansage, die irreguläre Migration nach Griechenland permanent zu unterbinden, so wäre dies erheblich aufwendiger als vor Malta und vor den Kanaren. Griechenland hat ungefähr 3000 Inseln, die teilweise in Sichtweite der Türkei liegen. Der Aufwand wäre also ungleich höher. Dazu gibt es noch die Landroute über den Evros-Fluß im Norden, und es ist bisher nicht bekannt geworden, dass sich die Türkei signifikant in die Externalisierungsbestrebungen der EU hat einbinden lassen, auch wenn das sicherlich eine der ersten Forderungen in den Beitrittsverhandlungen mit der EU gewesen ist. Die besondere geographische Situation schafft weitere Probleme rechtlicher Natur: Der Status der ägäischen Inseln waren lange Zeit ein Zankapfel zwischen Griechenland und der Türkei, und es heisst, dass der Grenzverlauf im Meer immer noch nicht 100% geklärt ist. Ein heikles Terrain für Frontex.

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Freitag, der 7. November 2008

Frontex in Rumänien [Update]

Auf der Seite von France24 gibt es einen englischen Bericht mit Video, wie Frontex in Rumänien aktiv wird und hilft, das Land auf den Schengenbeitritt vorzubereiten. Spannend: Endlich mal zu sehen, wie die Grenzer aus anderen EU-Ländern eine Frontex-Binde am Arm tragen.

Hier der Link.

[Update]
Ich habe jetzt rausgefunden, was dieser Frontex-Einsatz in Rumänien war (er ist nämlich definitiv vorbei). Es war Dacia 2008, ein Training der RABIT (Rapid Border Intervention Team), also quasi der Krisenreaktionskräfte von Frontex (die bisher noch nie zum Einsatz gekommen sind).

Frontex schreibt dazu:

“Dacia 2008”, a ten-day-long exercise of Rapid Border Intervention Teams (RABIT) concluded today. Coordinated by Frontex, it was carried out on the border between Romania and Moldova.

The primary aim of the exercise was to test the management of the RABIT Teams deployment mechanism providing assistance to Member States faced with “urgent and exceptional situations” such as arrivals of a large number of third-country nationals trying to enter their territory illegally.

A total of 49 RABITs - border guards from 23 EU Member States and Schengen Associated Countries - were involved in the exercise. The list includes Austria, Belgium, Bulgaria, Cyprus, Czech Republic, Germany, Denmark, Estonia, Finland, France, Greece, Hungary, Italy, Latvia, Lithuania, Spain, Malta, the Netherlands, Norway, Poland, Romania, Slovenia and Slovakia.

Rapid Border Intervention Teams were created on the basis of EC Regulation 863/2007. The RAPID Pool currently comprises 629 border policemen from all EU Member States including Iceland and Norway (with the exception of Ireland and UK).

Two previous exercises took place respectively at Francisco Sa Caneiro Airport in Portugal and on the land border between Slovenia and Croatia.

Kein Wunder, dass es an der rumänisch-moldawischen Grenze stattgefunden hat. Rumänien wird bald zum Schengenstaat, und Frontex hat in den letzten Jahren schon immer einen erheblichen Fokus auf moldawische MigrantInnen gehabt.

Dienstag, der 28. Oktober 2008

WDR5: Krieg im Mittelmeer

Hörtipp: Am Samstag 01.11.2008, 11:05 bis 12:00 Uhr auf WDR 5: „Krieg im Mittelmeer - Von der Cap Anamur zu Frontex und Europas neuen Lagern“. Wiederholung auf WDR 5 am am 02.11.2008 um 00:05 Uhr. Lässt sich auch live im Internet anhören.

Worum geht es? Der Autor Roman Herzog zeichnet den Krieg gegen Flüchtlinge, der sich mittlerweile im Mittelmeer abspielt, nach. Hier die Kurzbeschreibung des Beitrags (der Beitrag lief schon mal im Juni):

Nachdem im Sommer 2004 die Cap Anamur 37 Schiffbrüchige im Mittelmeer gerettet hatte, wurden Kapitän Stefan Schmidt und der Leiter der Hilfsorganisation Elias Bierdel wegen Beihilfe zur illegalen Einreise angeklagt. Seit Ende 2006 läuft in Agrigento auf Sizilien der Prozess. Zeitgleich mit dem „Fall“ Cap-Anamur wurde die deutsche Öffentlichkeit vom damaligen Innenminister Otto Schily über die EU-Pläne zu außereuropäischen Lagern informiert. Verschwiegen wurde, dass diese Lager vor den Süd- und Ostgrenzen Europas längst existieren. Allein in Libyen werden in teils EU-finanzierten Lagern 60.000 Flüchtlinge unter menschenunwürdigen Bedingungen festgehalten, teilweise jahrelang. Seit Frühjahr 2007 hat die europäische Grenzschutzagentur Frontex mit schnellen Eingreiftruppen im Mittelmeer begonnen, in Zusammenarbeit mit den EU-Anrainerstaaten die Flüchtlinge mit militärischen Mitteln zur Umkehr zu zwingen. Seitdem schnellen die Zahlen der Toten in die Höhe. Für Menschenrechtler ist es keine Frage: Was sich im Mittelmeer abspielt ist ein einseitiger, unerklärter Krieg.

Für alle, die das nicht mitverfolgen wollen, können, das Skript des Beitrags (.rtf) ist auch online. Ich habe mal die, m.E., interessantesten Stellen rausgepickt.

Frontex geht auf einen Vorschlag der Bundesrepublik [Deutschland] zurück und wurde seit 1999 in verschiedenen europäischen Militärmanövern vorbereitet.

Das ist relativ interessant, weil es nochmal die Hardlinerrolle der BRD in EUropa belegen würde. In der Tat sind mir auch schon diverse Vorläufermanöver zu Frontexmanövern aufgefallen, die ähnliche interessante Namen hatten wir die jetzigen Operationen. Als Zusatzinfo ist vielleicht auch noch ganz spannend, dass laut Frontex-Exekutivdirektor Ilkka Laitinen der Beschluss, Frontex wirklich zu schaffen, auf einem außerordentlichen Ministerratstreffen der EU nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gefällt wurde.

Vor allem arbeitet Frontex bei der Grenzsicherung aber mit den nordafrikanischen Staaten zusammen. So wurden von der EU nicht nur die Polizeikräfte und Militärs aller nordafrikanischen Staaten im Anti-Immigrationskampf ausgebildet, an alle nordafrikanischen Staaten wurden neben Finanzhilfen in dreistelliger Millionenhöhe auch militärische Ausrüstungen geliefert, unter anderem: ein Kampf- und Überwachungsflugzeug an Mauretanien; 25 Helikopter, 140 Armeefahrzeuge und eine Mehrzweck-Fregatte an Marokko; ein Dutzend Schnellboote für die Küstenwache Algeriens; 10 Hubschrauber, ein Überwachungsflugzeug, 6 Geländefahrzeuge, 100 Schnellboote, 12 Küstenwachschiffe, 50 Unterwasserkameras und 40 Nachtsichtgeräte an Libyen und eine Fregatte an Ägypten.

Ohne Kommentar. Aber das nächste Bit ist richtig spannend. Auf der Tagung «Universum Flüchtling» des italienischen Flüchtlingsrats erklärt Saverio Manozzi, der Haupteinsatzleiter der italienischen Militärpolizei, der Guardia di Finanza in Rom:

Die Zusammenarbeit im Bereich der illegalen Immigration auf EU-Ebene wird heute von Frontex koordiniert. Wichtig ist, dass die Agentur gezeigt hat, dass es auf europäischer Ebene unterschiedliche Sichtweisen gibt. Als Italien sich mit einer Reihe weiterer Staaten an einen Tisch zusammensetzte, hat mich erstaunt, dass wir Italiener der illegalen Immigration rechtsstaatlich begegnen, indem wir zunächst Menschenleben retten und erst dann das Delikt ahnden. Andere Staaten benutzen den Begriff diversion, der bedeutet, die Menschen zu zwingen, nach Hause zurückzufahren. Es ist gar nicht so sehr die Tatsache, jemanden zur Umkehr zu zwingen, sondern wie man ihn dazu zwingt. Wir wurden bei offiziellen Treffen mit Einsatzplänen und schriftlichen Befehlen konfrontiert, laut denen die Abwehr der illegalen Einwanderer darin besteht, an Bord der Schiffe zu gehen und die Lebensmittel und den Treibstoff von Bord zu entnehmen, so dass die Immigranten dann entweder unter diesen Bedingungen weiterfahren können oder aber lieber umkehren.

Meine Hervorhebung. Weiter erzählt der Autor, Roman Herzog:

Ich bitte Saverio Manozzi nach seinem Vortrag um ein Interview. Er lehnt ab, ist allerdings bereit, sich mit mir zu unterhalten. Zwei Bodyguards achten darauf, dass mein Aufnahmegerät nicht mitläuft. Manozzi erklärt mir, dass Frontex bezüglich offiziell verlautbarter Informationen extrem rigide ist und niemand, selbst nicht die Führungskräfte der Einsatzteams, wie er, Interviews geben dürfe. Ich frage genauer nach den Schwierigkeiten der Zusammenarbeit und Manozzi bekräftigt, dass andere Staaten lieber zurückweisen, als zu retten. Anders als etwa die italienischen Verbände, sagt er, praktizieren insbesondere die deutschen die harte Linie, entnehmen Treibstoff und Lebensmittel. Manozzi verabschiedet mich mit den Worten, «über das, was wirklich auf dem Meer geschieht, gibt es keine direkten Informationen, und es wird auch niemals welche geben».

Ich denke, dass spricht alles für sich. Und noch ein Bit zu den libyischen Lagern:

2003 schloss die Regierung Berlusconi ein Geheimabkommen mit der Regierung Gaddafi. Demnach wurden in den Jahren 2005/2006 43 Millionen Euro bewilligt, um, Zitat, „finanzielle und technische Hilfe zu leisten für Migrations- und Asylflüsse sowie die Errichtung geeigneter Strukturen in den Ländern, über die illegale Einwanderer nach Europa gelangen.“ Im Klartext, Gelder, mit denen diese Lager in Libyen gebaut wurden. Der Bericht einer technischen Mission in Libyen im Auftrag der EU besagt, dass diese Gelder dazu dienten, drei Haftzentren zu errichten, Kufrah, Saba und Ghariyan.

Montag, der 27. Oktober 2008

Libyen

Ich habe hier nochmal einen Artikel gefunden, der die Wandlungen und Annäherungen Libyens in den letzten Jahren ganz gut beschreibt, auch wenn er manchmal ein bisschen oberflächlich bleibt, oder bestimmte Aspekte (z.B. die ganzen geschlossenen Flüchtlingslager, die Libyen für die EU betreibt).

Aufmerksam geworden bin ich auf den Artikel aber vor allem über einen groben Schnitzer:

Seit Jahren patrouilliert die private Grenzsicherungsfirma “Frontex” im Mittelmeer, um Flüchtlingsboote aufzuspüren und zurückzuschicken.

Samstag, der 18. Oktober 2008

Nautilus 08 gescheitert

Am 20. September hat Frontex-Chef Ilkka Laitinen die Nautilus ‘08 Mission vor Malta/Lampedusa für gescheitert erklärt. Genauer: Er hat sie sogar für kontraproduktiv erklärt. Sein Argument geht folgendermassen: Weil es bekannt war, dass in dem Gebiet viele Schiffe unterwegs seien, hätten sogar noch mehr Boote mit Flüchtlingen die beiden Inseln angesteuert. Das Problem von Frontex ist, dass die Agentur in den letzten Monaten viel öffentliche Kritik erhalten hatte, da es immer wieder Berichte gab, dass Frontex sich nicht um havarierende Flüchtlinge kümmern würde.

Frontex erklärt dazu, dass sie ja eigentlich keine Seerettungsorganisation sind. Aber ertrinken kann man die Flüchtlinge ja auch nicht. Also ist Frontex verpflichtet, die Leute aufzunehmen. Hinzu kommt nun die Debatte, was mit geretteten Flüchtlingen zu tun sei. Eine Meinung dazu ist, dass durch die Rettung die Flüchtlinge Hoheitsgebiet eines EU-Staates erreicht hätten und daher einen Asylantrag stellen können. Es ist zur Zeit noch nicht geklärt, welcher EU-Staat für diese Anträge zuständig ist. Ist es der Staat, der das Patrouillenschiff stellt, oder ist der Staat, der Gastgeber für die Frontex-Operation ist?

Bisher hat Frontex dieses Problem wohl durch Refoulement gelöst, sprich der Zurückschiebung der Flüchtlinge in das letzte Transitland, oder gleich der Abschiebung in das Herkunftsland. Dies geht in diesem Falle nicht, den Libyen hat kein entsprechendes Abkommen unterzeichnet (anders als Senegal und Mauretanien). Ilkka Laitinen wie auch die italienischen Behörden haben mehrfach erklärt, wie schwierig die Zusammenarbeit mit Libyen ist. Zwar war Laitinen anfang des Jahres noch zuversichtlich, endlich ein Abkommen mit Libyen verhandelt zu kriegen, dies ist aber offensichtlich nicht geschehen. Überhaupt wäre solch ein Abkommen, welches die Rückschiebung von Flüchtlingen ermöglichen würde, völkerrechtlich dubious. Denn Libyen hat nicht die UN-Flüchtlingskonvention unterschrieben, daher gilt das Non-Refoulementgebot.

In dieser Konstellation, also der Nichtkooperation von Libyen und Frontex darauf erpicht, nicht weiter schlechte Schlagzeilen zu produzieren, haben wohl viele Flüchtlinge die Chance genutzt und haben sich von Frontex vor Malta “retten” lassen.

Hier noch die Presseschau: Die taz titelt, etwas irreführend, dass Frontex ihre Arbeit für gescheitert erklärt habe. Dies stimmt so nicht, denn Illka Laitinen bezieht sich lediglich auf Nautilus 08. taz, 15.10.2008.

Auf Malta wird das alles anders verhandelt. Hier die Zeitungsmeldung vom 21. September, Frontex chief admits failure.

Und dann die Debatte, die danach auf Malta ausgebrochen ist: